Soldatenfiguren - Krim 1854–1856
DAS ZEITLOSE ERBE DES KRIMFELDZUGS 1854–1856 – Die Kunst und die moralischen Kräfte
Sewastopol, 8. September 1855. Der wichtigste Kriegshafen der russischen Kaiserflotte am Schwarzen Meer ist soeben in die Hände des französisch-britischen Expeditionskorps gefallen, unterstützt von zwei kleinen türkischen und sardischen Kontingenten, womit ein Jahr eines zermürbenden Belagerungskriegs zu Ende geht, der von blutigen Gefechten inmitten eines extremen Klimas geprägt war, in dem die Verwüstungen durch die intensive Kälte und die sengende Hitze sich zu denen der Cholera hinzugesellten.
All diese widrigen Faktoren hätten den moralischen Widerstand der Belagerer angesichts der fanatischen Hartnäckigkeit der in der Stadt verschanzten Russen brechen können. Dennoch, trotz dieser ungünstigen und zermürbenden Bedingungen, behielten die Alliierten die Oberhand. Für die französischen Soldaten, die das größte Kontingent in diesem Krimfeldzug ab 1854 stellten, an den Rändern eines fernen, exotischen Landes, das Künstler wie Publikum gleichermaßen faszinierte, hatte der Fall der Stadt einen zutiefst symbolischen Charakter: Sie hatten ihre Väter gerächt, die im Winter 1812 im Eis gefangen gewesen waren.
Durchhalten trotz allem, Resilienz beweisen, jene moralischen Kräfte pflegen und bewahren, die dem Feind gegenüber die Überhand verschaffen: Das ist der Kernpunkt dieses Konflikts, eines der am häufigsten dargestellten Ereignisse durch Maler, Bildhauer und Fotografen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, an der Schwelle der ersten Kriegsreportagen. Ob sie selbst vor Ort waren und die Ereignisse manchmal an der Seite der Truppen miterlebten oder ob sie sich sorgfältig durch Artikel, Briefe, Karten und Zeichnungen in der illustrierten Wochenpresse dokumentierten, Soldaten bei ihrer Rückkehr befragten und sie für ihre Kompositionen posierten ließen – die Künstler suchten die Eigenart dieses Feldzugs einzufangen, der als „der erste moderne Krieg" gilt.
Dieses Buch zeichnet jenes moralische Erbe nach, das in den auf diese Soldatenfiguren konzentrierten Werken zum Ausdruck kommt, deren Bildnisse Zeugnis geben von dem, was sie während dieser Belagerung und dieser außergewöhnlichen Umstände empfanden. Diese künstlerischen Schöpfungen offenbaren und vermitteln noch heute den zeitlosen Charakter des „Herzens des Menschen", mit seinen oft ungeahnten Ressourcen angesichts einer extremen Situation, mitten in einem Einsatz hoher Intensität.
Aude NICOLAS ist habilitierte Doktorin (HDR) in Kunstgeschichte. Als Absolventin der École du Louvre ist sie Spezialistin für Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts sowie für militärisches Erbe und Archäologie.
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