1929–1935 - Die Krise
Durch die tiefe Destabilisierung, die sie auslöst, mischt die Krise von 1929 die Karten der Geschichte neu. Man glaubte, die Nachkriegszeit sei abgeschlossen, die Inflation endlich unter Kontrolle, die heikle Reparationsfrage durch den Young-Plan geregelt, der Frieden durch den Völkerbund und den Briand-Kellogg-Pakt dauerhaft gesichert. Und dann lösen sich in wenigen Jahren all diese schönen Versprechen in Luft auf. Die auf Protektionismus, Abwertung, Austerität und mitunter Autarkie gestützten Antworten auf die Krise führen nur zu einer Kontraktion des Handels. Die Arbeitslosigkeit explodiert, die Demokratien wanken, der Autoritarismus erstarkt. Bereits 1931 entscheidet sich Japan für den Expansionismus und marschiert in die Mandschurei ein. 1935 ist es an Italien, sich auf die Eroberung Äthiopiens einzulassen. Durch die Ausnutzung der Krise befreit sich Kanzler Brüning von den Reparationszahlungen und beginnt, die Wiederbewaffnung Deutschlands zu fordern. Um dies zu verhindern, macht Großbritannien Druck auf Frankreich. Noch nach Hitlers Machtergreifung schreibt Premierminister MacDonald in sein Tagebuch, dass „Frankreich der Feind" sei. Blinder kann man kaum sein.
Alle Friedensbemühungen der 1920er Jahre werden schlagartig zunichtegemacht. Der Völkerbund liegt im Sterben, die Vereinigten Staaten wenden Europa endgültig den Rücken zu, Großbritannien setzt auf Appeasement und Frankreich zieht sich erschreckt hinter die Maginotlinie zurück, die es für uneinnehmbar hält. In Fortsetzung seines glänzenden Panoramas des 20. Jahrhunderts, das Klischees und Vorurteile erschüttert, beleuchtet Jean-Yves Le Naour eingehend jene wenigen Jahre, in denen alles kippt und die Nachkriegszeit sich in eine neue Vorkriegszeit verwandelt.
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